Interview mit Alexander Höptner, Boerse Stuttgart GmbH

By Dennis Schlegel

Sep 26

Dieses Interview wurde durch Horvath & Partners geführt und veröffentlicht.

Alexander Höptner ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Boerse Stuttgart GmbH und des Vorstands der EUWAX AG. Neben der Strategie sind seine Verantwortungsbereiche Primärmarkt, Marketing & Kommunikation sowie Digitalisierung. Er war von 2001 bis 2015 bei der Deutsche Börse AG tätig, wo er als Mitglied der Führungsgremien der Bereiche Kassamarkt und Informationstechnologie für weite Bereiche der Gruppe verantwortlich war. Im Anschluss baute Höptner zwei Start-ups für den Handel von virtuellen Gütern auf. Die Gruppe Börse Stuttgart hat mit der BISON App, der BSDEX (Börse Stuttgart Digital Exchange) und der Verwahrgesellschaft blocknox bereits etablierte Dienstleistungen im Bereich der DLT-Technologie aufgebaut.

Im Interview mit Horváth & Partners spricht der Experte über das große Potenzial der Technologie, über die aktuellen rechtlichen Rahmenbedingungen sowie die neue Rolle, welche die Börse Stuttgart dabei besetzen möchte. Das Gespräch mit Herrn Höptner wurde von Frank Schindera und Marcel Schmalisch, Horváth & Partners geführt.

HERR HÖPTNER, WANN UND WIE SIND SIE MIT DEM THEMA BLOCKCHAIN BEZIEHUNGSWEISE DISTRIBUTED LEDGER TECHNOLOGIEN IN BERÜHRUNG GEKOMMEN?

ALEXANDER HÖPTNER / 2013 hatte ich die Idee, den ersten globalen Marktplatz für den Handel von virtuellen Gegenständen aus Computerspielen zu lancieren. Dafür war ich viel in San Francisco und lernte Dirk Lueth kennen, der sich früh mit der Blockchain-Thematik beschäftigte. Er war früher Verlagsleiter der Financial Times Deutschland Online und einer der Rally Runner beim Thema Blockchain. Ich verstand rasch das Potential hinter der Blockchain und habe versucht, es der Deutschen Börse näher zu bringen. Aber dort war das Verständnis noch nicht da, bei Facebook und der Gaming-Industrie allerdings auch noch nicht. Das Thema war noch zu neu und verschwand erstmal in der Versenkung, auch für mich. Ich habe es später wieder aufgegriffen, und das war der Beginn von allem.

IN EINEM SATZ: WIE BEURTEILEN SIE AKTUELL DAS THEMA BLOCKCHAIN?

ALEXANDER HÖPTNER / Es ist, so glaube ich, eine der größten Umwälzungen, die vor uns liegt. Und zwar für weite Teile der Wirtschaft, vor allem für die Finanzindustrie. Aber auch die digitale Identität und andere Themen werden dazu führen, dass das ein technologischer Quantensprung sein wird.

UND WIE NEHMEN SIE DIE MEINUNGEN AM MARKT WAHR? BEISPIELSWEISE BEI IHREN MARKTTEILNEHMERN ODER ANDEREN BÖRSEN?

ALEXANDER HÖPTNER / In der Finanzindustrie gibt es an ganz vielen Stellen Verbesserungspotenziale. Beispielsweise haben wir keinen wirklich fungiblen globalen Finanzmarkt. In der Theorie ja, faktisch aber nicht, und das führt zu Kosten und Ineffizienzen. Die Kosten werden auf die Marktteilnehmer und vor allen Dingen auf die Kunden umgewälzt. Die Blockchain-Technologie erlaubt uns, diese Hürden zu überwinden. Daran sind die Marktteilnehmer interessiert. Es sind allerdings hohe Investitionskosten nötig, und die organisatorischen Rahmenbedingungen sind auch nicht gegeben. Es müssten daher zwei parallele Infrastrukturen vorgehalten werden. Aber das Interesse ist da: Wir sind hierzu mit vielen großen Banken in Europa und auch mit amerikanischen Instituten im Gespräch. Corona hat die Entwicklung ein wenig ausgebremst, aber wir sehen ja schon an China und anderen Ländern, dass Initiativen lediglich aufgeschoben und nicht aufgehoben sind. Die Entwicklung wird mit Hochdruck weitergehen.

KÖNNTEN SIE KURZ UMREIßEN, WELCHE PROJEKTE ODER USE CASES SIE MITBEGLEITET HABEN?

ALEXANDER HÖPTNER / Die Use Cases sind momentan noch sehr begrenzt, weil zumindest in Europa die rechtlichen Rahmenbedingungen noch nicht gesetzt sind. Das europäische Sachenrecht fußt nun mal auf dem physischen Gut, das digitale Gut ist juristisch so nicht beschrieben. Bevor ein signifikanter Markt entsteht, muss zuerst Rechtssicherheit herrschen. Bisher wurde viel experimentiert – sei es in der E-Mobility, im Energiebereich oder bei der Tokenisierung von ausgewählten privaten Wirtschaftsgütern zu Finanzierungszwecken.

Aufgrund der aktuellen Rahmenbedingungen legen wir eine neue Infrastruktur neben unsere klassische Börseninfrastruktur, in der die rechtlichen Rahmenbedingungen für das tokenisierte Gut abbildbar sind. Diese Infrastruktur für digitale Assets erlaubt es, Token zu emittieren, auf einem Marktplatz handelbar zu machen und rechts- und technologiesicher zu verwahren. Diese Angebote richten sich nicht an die „Blockchain-Rebellen“, die immer eine eigene Blockchain laufen lassen werden, sondern an die restlichen 99,9 Prozent dieser Welt. Ich bin davon überzeugt, dass es den meisten Investoren völlig egal ist, ob ein Asset nun tokenisiert oder physisch verbrieft ist. Wenn es nicht effizienter ist, wird niemand tokenisieren. Wenn kein Mehrwert gegeben ist, dann ist das Thema Tokenisierung auch schnell wieder weg.

Bei klassischen Wertpapieren ist in Deutschland Interoperabilität gegeben: Man kann in Stuttgart ein Papier emittieren und es in Hamburg handeln. Einzelne Angebotsbausteine der Prozesskette lassen sich einfach durch Partner erweitern. Bei tokenisierten Assets ist das derzeit nicht so. Man tokenisiert ein Produkt über eine Plattform, kann es dann aber nicht handeln. Man hat es tokenisiert und kann es handeln, kann es aber nicht verwahren. Man kann es verwahren, kann es aber nicht handeln und nicht emittieren. In diesem Markt ist es deshalb sinnvoll, die ganze Prozesskette anzubieten. Dies wollen wir als Vorreiter umsetzen, damit der Kunde aufspringen kann. Das ist ein steiniger Weg, den wir schrittweise immer so weit gehen, wie die Regulierung fortgeschritten ist. Dabei sind wir uns bewusst, dass die meisten tokenisierten Produkte erst dann kommen werden, wenn die Regulierung komplett fixiert ist. Sehr interessant ist dabei im Übrigen die Realindustrie, obwohl diese oft vernachlässigt wird.

WO SEHEN SIE DIE USE CASES FÜR DIE REALWIRTSCHAFT UND WIE KOMMEN SIE DA INS SPIEL?

ALEXANDER HÖPTNER / Für den Regulator ist es unbedeutend, auf welcher technischen Basis  gehandelt wird, er schaut sich nur an, welche Funktion ein Akteur erfüllt. Was viele Unternehmen jetzt merken: Nur weil ich es technisch kann, heißt es nicht, dass ich es regulatorisch darf. So erzählte uns ein großer Energieversorger, dass er 100 Haushalte verknüpft hat und diese nun untereinander mit Energie handeln. Da habe ich die Frage gestellt: „An welcher Börse wird denn gehandelt und sind die Haushalte als Händler zugelassen?“ Der Versorger kann es also technisch, juristisch darf er es aber nicht. Ich glaube, dass Marktplätze eine kleine Renaissance erleben werden, weil Industrieunternehmen plötzlich vor der Herausforderung stehen, dass sie etwas handeln wollen, es aber regulatorisch nicht dürfen. Dafür bräuchten sie eine Lizenz, die sie natürlich nicht erwerben wollen. Ein Industrieunternehmen will ja nicht einen regulierten Handelsplatz aufbauen, nur um seine Zuliefer- oder Kundenbeziehungen auf die Blockchain zu bringen.

WIE GEDENKEN SIE DA VORZUGEHEN?

ALEXANDER HÖPTNER / Erstmal müssen wir es als Gruppe Börse Stuttgart schaffen, verlorenen Boden gegenüber den großen Börsenwettbewerbern zurückzugewinnen, indem wir aus Abhängigkeiten herauskommen und Emittenten von Token exklusiv an uns binden. Weiterhin glaube ich, dass viele neue digitale Assets entstehen werden – viel mehr, als wir Finanzprodukte haben. Diese digitalen Assets sind interessant für viele Investoren, sowohl für Institutionelle als auch im Retailbereich. Hier kann man sich ein Stück weit freistrampeln von den großen Playern oder dem Post-Trade-Duopol im Wertpapierhandel. Nehmen wir mal den Bereich Mobilität: Ein Mobilitätstoken, zum Beispiel eines großen süddeutschen Automobilherstellers, mit dem man an der Energiezapfsäule etwas kaufen kann, ist gemäß dem Regulator sehr nahe an einem Wertpapier. Das heißt, der Autohersteller müsste eine Multilateral Trading Facility betreiben und eine entsprechende Lizenz erwerben. Da das bestimmt nicht gewollt ist, stellt sich die Frage: Mit welchem Partner setze ich das um? Das ist ein Punkt, wo eventuell gerade kleinere Börsen interessant sind. Die großen sehen im Zweifel wenig Veranlassung, sich mit einer Million Privatkunden herumzuschlagen. Das sind Themen, bei denen sich Marktplätze gegenüber der Industrie plötzlich ganz anders positionieren können als Partner und Dienstleister.

Die Regulatorik ist zwar eine Hürde, doch letzten Endes ist sie eine Grundvoraussetzung und hilft uns. Wenn ich einen Token in Europa definiere und er die gleiche Definition in Japan hat, dann ist er einfach zwischen Japan und Europa zu handeln. Das haben wir in der Finanzindustrie genauso gesehen. Erst gab es die lokalen Märkte, dann haben wir die lokalen Märkte über die verschiedenen Kanäle miteinander verbunden. Am Ende ist ja ein globaler Verwahrer, über den ich einen Token aus Japan transferiere, nichts anderes als eine ICSD-Umgebung. Das läuft sehr effizient, weil zwischengeschaltete Instanzen entfallen können. Und deswegen sage ich: Krypto-Assets sind eine neue Anlageklasse. Blockchain ist erstmal „just another technology“. Aber: Ich muss mich mit den alten, historisch gewachsenen Strukturen nicht mehr auseinandersetzen. Das ist das Spannende!

KÖNNEN SIE DAS AUSFÜHREN?

ALEXANDER HÖPTNER / Ich kann mir den kompletten CCP (Central Counterparty) sparen, also die zentrale Gegenpartei. Warum haben wir denn die CCP-Welt und die Verwahrer im Wesentlichen aufgebaut? Um die Sicherheit zu haben, dass der eine Akteur die Güter hat und der andere das Geld. Und wenn diese Funktion die Blockchain übernimmt, kann man sich weite Teile des Post-Trade-Bereichs sparen. Aber Vorsicht, denn regulatorisch bleibt die Funktion erhalten.

WANN WIRD DENN DIE REGULATORIK SOWEIT SEIN?

ALEXANDER HÖPTNER / Da ist die EU dran. Drei Referate in der EU-Kommission arbeiten daran. Die Bundesregierung will die deutsche EU-Ratspräsidentschaft nutzen, um das Blockchain-Thema weiter voranzutreiben. Die EU ist hier schon auf einem guten Weg, ebenfalls bei den Themen Identity und Payment. Man müsste nur eigentlich jetzt schon mit Ländern wie Südkorea, Japan und anderen, die einen ähnlichen Rechtsraum haben, reden, um auch diese regulatorische Hürde zu nehmen.

WIE SIEHT ES DENN AUF KUNDENSEITE AUS?

ALEXANDER HÖPTNER / Die großen Firmen sagen, „Blockchain? Ja, heißes Thema.“ Aber zwei Infrastrukturen vorzuhalten hat erstmal keinen Mehrwert. Wenn ein Produkt heute verbrieft und morgen tokenisiert wird, verdient man ja nicht mehr Geld. Die Tokenisierung spart bloß ein wenig Kosten. Faktisch haben sich aber die Kosten erhöht: Denn selbst wenn der eine Teil nun billiger ist, fallen Zusatzkosten für die neue Infrastruktur an. Das heißt, man muss erstmal seinen Shareholdern erklären, dass die Kostenquote steigt, ohne mehr Umsatz zu generieren. Das ist schwierig.

UND AUF SEITEN DER BÖRSEN?

ALEXANDER HÖPTNER / Die großen Börsen müssen nicht zwingend First Mover sein. Sie können eigentlich entspannt warten, bis sie nicht mehr am Thema vorbeikommen, und sich dann einkaufen. Wir als Börse Stuttgart haben uns bewusst entschieden, Vorreiter zu sein und uns klar zu positionieren. Wenn die Finanzindustrie auf den Trend aufspringt und Effizienzvorteile entstehen, wollen wir dabei sein. Das wird natürlich seine Zeit dauern: Große Unternehmen werden ihre Aktien nicht morgen de-listen und durch Token ersetzen, wir werden relativ lange parallele Welten sehen. Auf der anderen Seite wird sich ein Unternehmen natürlich bei der nächsten Projektfinanzierung gut überlegen, ob es sie über ein klassisches Wertpapier oder einen Token macht. Über die Zeit könnten die klassischen Kanäle austrocknen.

WAS DENKEN SIE, WO GEHT DIE REISE MITTEL- BIS LANGFRISTIG AUF BASIS DER BLOCKCHAIN-TECHNOLOGIE HIN? WELCHE ZUKÜNFTIGEN PROBLEME WERDEN GEGEBENENFALLS GELÖST, DIE ES HEUTE NOCH GAR NICHT GIBT, ABER DIE AUFGRUND DER HEUTIGEN ENTWICKLUNG IN ZUKUNFT ENTSTEH

ALEXANDER HÖPTNER / Man darf nicht vergessen: Regulatorik reguliert nicht das System, sondern Rollen. Das bedeutet: Wer eine bestimmte Rolle einnimmt, muss auch die entsprechende Regulatorik erfüllen. In dem Augenblick, in dem eine komplett digitale Identität existiert, die dann auch zu 100 Prozent abgesichert ist – die also eine Person eindeutig mit allen Attributen im Netz repräsentiert – wird ein großer weltweiter Apparat obsolet. Man kann jederzeit bezahlen, braucht keine Bank mehr und kann weltweite Transaktionen im Bruchteil einer Sekunde ohne Mittelsmänner durchführen, denn Eindeutigkeit und Sicherheit sind ja über die Blockchain garantiert. Und man kennt auch seine Gegenpartei zu jedem Zeitpunkt. Das wirft jedoch die Frage auf: Was geschieht dann mit den Menschen in Arbeitsbereichen, die nicht mehr gebraucht werden? Nehmen wir eine Bank: Viele Mitarbeiter sind dort im Zahlungsverkehr tätig.

Dagegen brauchen wir mehr Marktplätze. Solange wir nicht wirklich ein einheitliches digitales Weltformat haben, braucht jedes Format einen neuen Marktplatz. Früher hat die Anzahl an Marktteilnehmern die Komplexität bei Handelssystemen getrieben, was treibt sie heute? Heute ist ein Format ein Marktplatz, die Anzahl der Formate treibt die Kosten. Wir sehen im Prinzip eine Explosion an Marktplätzen. Wir haben natürlich die große Herausforderung des „Garbage in, Garbage out“: Was passiert, wenn Fehler ins System gelangen und dort dann unveränderbar hinterlegt sind? Das ist der Grund, warum für meine Begriffe auch nie eine private Stelle so etwas wie Identitätsprüfung oder Initial Setups übernehmen darf. Initial eine digitale Identität aufsetzen, inklusive Geld und Kredibilität, kann nur eine staatliche Stelle.

Auf der einen Seite sehen wir eine extreme Verschiebung von Aufgaben und Verantwortung, mit der wir uns gesellschaftspolitisch befassen müssen. Auf der anderen Seite muss sichergestellt werden, dass es keine unlautere Nutzung gibt.

WIE SEHEN SIE DIESEN INITIALEN SET-UP?

ALEXANDER HÖPTNER / Das ist natürlich wieder „First come, first serve.“ Wichtig ist, dass die EU jetzt zeitnah ein Format definiert. Dann mag es vielleicht trotzdem noch drei oder vier andere Formate geben, aber es gäbe keine hundert. Vermutlich werden wir auch nie das eine Format haben, genauso wie wir drei oder vier Anschlüsse für alles Mögliche haben. Als Basis dafür brauchen wir jedoch einen digitalen Euro, und den sollte die EZB zeitnah herausgeben. Grundvoraussetzung ist, dass sich die EU-Staaten einig sind. Deutschland und Frankreich könnten das Thema vorantreiben und die anderen EU-Länder mit ins Boot holen. Aber sie müssen es eben machen!